Warum unfertige Projekte mehr als nur Ressourcen verschwenden — und was gute Projektleitung wirklich bedeutet.
Manchmal entstehen die besten Gedanken nicht beim Rasieren, sondern unter der Dusche — mit einem einzigen Wort im Kopf. Jürgen Wolf erzählt bei der morgendlichen Tasse Kaffee, was ihn das Wort „unvollendet“ lehrt, und warum er es für eines der wichtigsten Themen im Arbeitsalltag hält.
KLARA Du hast heute Morgen schon von einer kleinen Geschichte zum Thema das Unvollendete gesprochen. Was hat dich dazu gebracht?
JÜRGEN Es begann mit unserem Gespräch von gestern. Du hast so im Nebensatz erwähnt, dass du viele Dinge anfängst und irgendwie nicht zu Ende machst. Das kam mir sofort so unglaublich bekannt vor. Ich bin dann heute Morgen mit dem Wort „unvollendet“ unter die Dusche gegangen und habe dort diese Geschichte fast fertig konzipiert.
KLARA Und warum gerade dieses Wort — unvollendet?
JÜRGEN Meine erste Assoziation war Schuberts Unvollendete — eine Sinfonie, die nie fertiggestellt wurde, weil der Komponist vorher gestorben ist. Aber „unvollendet“ begegnet uns im Leben ständig, auch im Arbeitsalltag — und das finde ich eine Katastrophe. Es bedeutet: Du hast eine Idee, ein Problem, eine Lung — fängst an zu laufen, und irgendwann verlierst du die Richtung, hast keine Puste mehr oder biegst einfach ab. Und am Ende ist alles für die Katz.
„Wenn alle verantwortlich sind, ist keiner verantwortlich.“
KLARA Da geht es um mehr als nur um Ressourcen und deren Verschwendung, nicht wahr?
JÜRGEN Ja, das ist das Mindeste. Was mich wirklich umtreibt, ist, was das mit den Menschen macht. Die Kolleginnen und Kollegen, die für ein Projekt gebrannt haben — oder es zumindest jeden Morgen ernsthaft versucht haben — und dann zusehen müssen, wie ihre Arbeit einfach nicht zum Tragen kommt. Das ist keine Ressourcenverschwendung sondern Minderschätzung. Am Ende ist das Gift für Motivation und Gesundheit. Ich kenne gerade jemanden in meinem privaten Umfeld, dessen Projekt nach zwei Jahren ohne Ergebnis storniert wurde. Fünfundzwanzig Leute raus, keiner weiß warum. Was, glaubst du, geht denen abends durch den Kopf?
KLARA Das raubt einem auch jeden Antrieb, noch irgendetwas anzupacken.
JÜRGEN Exakt. Du kannst niemandem mangelnde Wertschätzung deutlicher zeigen als damit, dass das, wofür er oder sie Monate investiert hat, niemanden interessiert. Das fördert im schlimmsten Fall Depressionen und Burnout. Deshalb ist „Das Unvollendete“ für mich so etwas wie eines der ungeschriebenen zehn Gebote: Das machen wir nicht. Ist nicht gesund, ist nicht schlau — machen wir einfach nicht.
KLARA Was ist deine Antwort darauf — was kann in dieser Situation konkret helfen?
JÜRGEN Projektleitung. Und ich sage das ganz bewusst nicht als Lehrbuchweisheit — das ist meine persönliche Überzeugung. Jedes Vorhaben, egal ob der Wochenendeinkauf oder ein großes Unternehmensvorhaben, braucht eine klare Verantwortung. Nicht ein Team, das gemeinsam verantwortlich ist — denn wenn alle verantwortlich sind, ist keiner verantwortlich. Es braucht eine Person, einen Staffelstab, ein klares Mandat.
KLARA Das klingt interessant – aber was macht diese Projektleitung eigentlich ganz konkret? Wofür ist sie zuständig?
JÜRGEN Einen Raum schaffen. An der Wand muss klar und nachvollziehbar stehen, worum es geht. Dann darf demokratisch diskutiert werden, Ideen dürfen auch mal spinnert klingen — Schwarmwissen ist ein riesiger Qualitätsfaktor. Aber die Projektleitung ist dann auch verantwortlich dafür, dass realistische Meilensteine formuliert und tatsächlich erreicht werden. Stein für Stein, bis am Ende etwas fertig ist. Und dann — das vergisst man gerne — gehört ein ehrlicher Rückblick dazu: Haben wir es so hingekriegt, wie wir wollten? Was hat funktioniert, was nicht?
„Ich kann nicht als Projektleiter den Raum aufmachen, ein Briefing loslassen — und das Ganze dann im Sand verlaufen lassen.“
KLARA Das klingt ganz nach einem Lernprozess, den du selbst durchgemacht hast.
JÜRGEN Absolut — und das ist der ehrlichste Teil dieser Geschichte. Ich habe gute Ideen auf Blätter geschrieben, die Blätter aufgehängt, und nach einem halben Jahr wend wieder abgerissen, weil niemand drauf eingestiegen ist. Und dann habe ich anderen den Vorwurf gemacht, dass meine Ideen nicht umgesetzt wurden. Das war falsch. Ich war der schlechte Projektleiter. Ich hätte die Leitung delegieren, kontrollieren, begleiten müssen — oder es eben selbst konsequent zu Ende führen.
KLARA Und das steht wahrscheinlich so in keinem Schulbuch?
JÜRGEN Komischerweise nicht. Das kannst du auch nicht studieren. Aber es funktioniert — hier bei uns, und wahrscheinlich weit darer hinaus. Ich stehe jeden Morgen mit dem Ziel auf, dass das Unvollendete bei uns keinen Platz hat. Weil ich mhte, dass es den Leuten hier gut geht, dass wir alle mit Freude arbeiten — und dass wir dabei auch wirtschaftlich etwas erreichen. Das ist kein Widerspruch. Das ist das Ziel.
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